ALEX AMANN
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Anmerkungen zur Malerei von Alex Amann

Jean-Michel Foray


Unheimlichkeit

Das Gefühl, das den Betrachter eines Bildes von Alex Amann auf Anhieb befällt, ist das einer beunruhigenden Befremdung, die Freud treffend als «Unheimlichkeit» bezeichnet hat. Wir stehen vor vertrauten Objekten – Stilleben mit Paprika oder Zitronen, Früchten oder Fischen. Neben diesen Gemälden, die weitgehend Bildtypen der klassischen Malerei entsprechen, entdecken wir komplexere Kompositionen, die uns daran denken lassen, dass diese vertrauten Objekte vielleicht nur das sichtbare Zeugnis, der Rest, von etwas viel Umfassenderem sein könnten, zu dem sie einst gehörten, später aber daraus verdrängt worden sind. Aber auch, dass dieses Vertraute, dieses «Heimliche», das die friedlichen Stilleben oder Landschaften aufkommen lassen, in Wirklichkeit nur verdrängtes «Unheimliches», verdrängte Besorgnis ist.

Zum Beispiel in den Kompositionen, auf welchen ein Fisch dargestellt ist, ein Rochen, der fast immer mit der weiblichen Nacktheit assoziiert wird. Der Rochen sieht aus, als sei er in der Art einer Collage eingefügt, ein von außen eingeschmuggelter Fremdkörper, der sich dem eigentlichen Bildthema entzieht, so dass er eher ein Symptom von etwas zu sein scheint, das unvermittelt und ungewollt plötzlich auftaucht. Mal liegt er auf dem Bauch, mal auf dem Gesicht des Modells, meistens aber neben diesem. Eine völlig unangebrachte Erscheinung, lässt sich doch in der klaffenden Öffnung des Fischs nicht die Spur eines weiblichen Geschlechts ausmachen; und das, obwohl der feuchte Schlund ganz offensichtlich sowohl Fisch als auch weibliches Geschlecht sein kann, auch wenn uns in Wirklichkeit nichts und niemand dazu veranlasst, die Dinge so zu sehen. Wir wissen das, weil uns der symbolische Gehalt der vom Maler im Bild eingesetzten Objekte vor allem aus der alten Kunst her vertraut ist.

Zu diesem Fisch meint Alex Amann, er stehe mit der Sexualität und mit dem Tod in Verbindung. Der Rochen könne einen ebenso wie der Anblick eines Totenkopfs verstören und man integriere so etwas nicht ganz absichtslos in ein Bild. Totenkopf und Rochen seien nicht ausschließlich formale Elemente. Sie verweisen auf einen ihnen innewohnenden Diskurs; wie im Palimpsest, bei dem sich hinter einem gegebenen Text ein anderer Text versteckt. Es ist dies das Prinzip der Metapher (oder der Allegorie, die nichts anderes als eine verlängerte Metapher ist). Ein neuer Sinn überlagert buchstäblich den ursprünglichen. Ohne ihn zu übertünchen, lässt er den ursprünglichen Sinn vergessen, so dass wir nicht mehr genau das sehen, was wir anschauen, sondern das, was wir wissen.

So zeugt diese Malerei in ihren komplexesten Kompositionen von einer Rückkehr des Verdrängten: der verdrängten Metapher und im weiteren Sinn der Allegorie, welche der abstrakte Modernismus – oder jedenfalls seine Theorie – insofern verworfen hat, als er die Kreuzung von visuellem und verbalem Inhalt ablehnt. Alex Amanns Malerei nimmt die Haltung Manets, des ersten Modernen der Malerei, auf, der die Allegorie und die allegorische Malerei abschafft und gleichzeitig spielerisch damit umgeht. Damit verleiht er seinen realistischsten Bildern einen zweiten Sinn, den er oft einfach übernehmen kann. Der tote Stierkämpfer auf dem Bild von 1867 wird in einer Lithographie von 1871 zur symbolischen Figur eines erschossenen Kommunarden, ganz ähnlich wie die «Hinrichtung Maximilians» in der «Barrikade», einer Lithographie von 1871, zur aktuellen historischen Szene der Unterdrückung der Kommune wird. Manets Realismus hindert seine Malerei nie daran, mehrere Bedeutungen anzunehmen. Vielleicht verweist Alex Amann auf diese Fähigkeit, sozusagen polyphonisch zu sein, wenn er von seinen eigenen Kompositionen sagt, sie seien so etwas wie «geträumter Manet».






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